Das Samenkorn
Stuttgarter Nachrichten 17.04.1996Das Samenkorn ist auf steinigen Boden gefallen, es wird sich also schwer tun, die Fülle des in ihm verborgenen Lebens zu entfalten. Und dann wächst doch ein starker Baum heran.
Der Baum ist wie die menschliche Gesellschaft. Er hat kräftige Äste und zerbrechliche Äste. Die einen stützen die andern, damit sie nicht abbrechen. Die andern tragen das Gefüge aber ebenso mit, das gibt auch ihnen Stärke.
Ein Baum als Gleichnis für das Miteinander. Alle sind vom selben Stamm und doch nicht gleich. Ein Kunstwerk als Reverenz an die Schwachen.
David Verstege, 22jähriger Bildhauer aus Sillenbuch und derzeit Steinbildhauer an der Dombauhütte in Passau, hat sich mit der gesellschaftlichen Zugehörigkeit von Behinderten auseinandergesetzt. Wo ist ihr Platz? Und haben sie überhaupt einen?
Früher war das nicht sein Thema. Er scheute eher die Begegnung mit Behinderten. „Da war eine innere Sperre: Komm´ mir nicht zu nahe!“ Aber dann machte er – ausgerechnet, als ob das so sein sollte! – im Wohnheim und der Werkstatt des Behindertenzentrums Stuttgart seinen Zivildienst. Die Nähe war zunächst belastend, die Reaktionen der Umwelt nicht grad ermunternd. Die Leute benahmen sich meist so wie er früher auch, gehemmt, hilflos.
Eine spastisch gelähmte Frau zum Bespiel beeindruckte ihn sehr. Man musste ihr das Essen geben, aber abends saß sie in ihrem Zimmer und tippte unter großen Mühen auf der Schreibmaschine ein Buch ab. Immer ein paar Seiten. Welch eine Energie!
Seite 1 von 2