Lebenseindrücke

Fachzeitschrift "Naturstein" - Ausgabe 11/2009

Grabmale von David Verstege entstehen im Dialog mit den Auftraggebern. Aus dem Gespräch erspürt er das Wesentliche und setzt es um in Stein und andere Materialien.

Beim Wunsch nach einem Engel verzieht David Verstege das Gesicht. Engel sind heikel. Sie sind eine Gratwanderung, die leicht ins Kitschige, Geschmacklose führen kann. Vor ihm sitzen Eltern, die vom Verlust ihres Kindes gezeichnet sind. Einer ihrer Zwillinge war kurz nach der Geburt gestorben. Versteges spontane Reaktion könnte sie verletzen, würde er nicht erklären, welche Fallstricke ihr Wunsch in sich birgt. Es folgt ein langes Gespräch. Bildhauer und Eltern tauschen Gedanken aus, konkretisieren Vorstellungen, entwickeln Bilder.
Das Gespräch findet am Heinlesberg 18 in Stuttgart-Sillenbuch statt. Nichts deutet auf eine Bildhauerwerkstatt hin, schon gar nicht auf einen Grabmalbetrieb. Erst im atelierartigen Wohnzimmer präsentieren sich fast unauffällig Modelle und Arbeiten des Bildhauers. Die breite Fensterfront bietet freie Sicht ins Grüne, mit Skulpturen als Blickfang.
David Versteges Spezialität ist das Neue. So wie jeder Mensch einzigartig ist, so unverwechselbar soll auch dessen Grabstein sein. Ausgangspunkt dafür ist der Wunsch des Auftraggebers als gestalterischer Wegweiser. Denn das Grabmal ist für Verstege kein Markenzeichen, in dem sich seine bildhauerische Linie widerspiegeln und er sich darin als Schöpfer wiedererkennen muß. "Aber der Angehörige muss das, was ihn mit dem Verstorbenen verbindet, beim Anblick der Grabplastik spüren können", sagt Verstege. Deshalb lässt sich der 35-Jährige auf verschiedene Formensprachen ein.
Das heißt nicht, dass er nicht beeinflusst. Selbstverständlich bietet er auf der Suche nach dem richtigen Stein Orientierung.
So wie den Eltern, die Trost in einer Engelsfigur zu finden hoffen. Oder wie dem Mann, den der Tod seiner Frau aus der Bahn warf, und mit genauen Vorstellungen zu Verstege kommt. Er wünscht sich eine abgebrochene Säule als Grabmal, doch Verstege spürt, dass  den Witwer mehr mit seiner Frau verbindet, als der Tod und die jahrelange Pflege, die ihm vorausging.
 

Seite 1 von 4